Kommentar zum ergänzenden Gedenkstein für die 5 jüdischen Frauen

Bei der Gedenkveranstaltung der VVN am 1. November 2021 auf dem Augsburger Westfriedhof verliefen mehrere Diskurse nebeneinander her, waren mitunter aber auch miteinander verwoben:

Da war die traditionelle Gedenkfeier der VVN mit Schweigmarsch, Kranzniederlegung, kämpferischer Gedenkrede und dem Moorsoldatenlied zum Abschluss.

Doch dieses Mal war die Veranstaltung mit der Enthüllung eines Gedenksteins an 5 jüdische Frauen verbunden, deren Leichen im März 1945 am Bahnhof Augsburg-Hochzoll aus einem Transportzug entladen wurden, der vom KZ Ravensbrück zum Waldlager „Kuno“ im Scheppacher Forst unterwegs war. Bei der Recherche zu den auf den Gedenksteinen des KZ-Ehrenhains verzeichneten Namen war Reinhold Forster von der geschichtsagentur augsburg auf die Namen dieser 5 Frauen gestoßen. Er gab die Information an Alfred Hausmann von der Erinnerungswerkstatt Augsburg weiter, dem es dann gelang, den Sohn einer dieser Frauen ausfindig zu machen. Gabor Lengyel, inzwischen Rabbiner in Hannover, der bislang nichts vom Grab seiner Mutter auf dem Augsburger Westfriedhof wusste. Auf seine Veranlassung hin sollte ein ergänzender Gedenkstein auf das Schicksal seiner Mutter und der anderen 4 Frauen hinweisen.

Gabor Lengyel war dann auch der Hauptredner auf der Gedenkfeier, in deren Mittelpunkt die 5‑jüdischen Frauen standen. Einen großen Teil der Gedenkrede nahm dann auch die persönliche Betroffenheit über das Auffinden des Grabes seiner Mutter ein, nur kurz ging er auf die Notwendigkeit ein, dass jeder Tag eine Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus sein sollte.

Im Anschluss enthüllte er den ergänzenden Gedenkstein, der mit einer VVN-Fahne bedeckt war -  und sprach das Totengebet. Eine berührender Akt der persönlichen Trauer.

Der traditionelle VVN-Diskurs wurde so vom privaten familiären Diskurs der Familie Lengyel überlagert. Und schließlich gab es auch noch einen versteckten dritten Diskurs: Das Lob auf die Augsburger Erinnerungswerkstatt und auch für die Augsburger Fachstelle für Erinnerungskultur, die die Verlegung des ergänzenden Gedenksteins als ihren „Erfolg“ verbuchten, und eher pflichtgemäß auf die VVN als Veranstalter und Organisator verwiesen.

Der ergänzende Gedenkstein stellt jedoch – und hier mischt sich der vierte kritische Meta-Diskurs aus meiner Sicht  ein - einen schwerwiegenden Eingriff in das gesamte Ensemble des KZ-Ehrenhains dar: Nicht nur dass er viel größer und „edler“ als die anderen Gedenksteine ist und mehr einem Grabstein gleicht (kleiner wäre hier sicher besser gewesen). Mit ihm werden vor allem auch 5 NS-Opfer hervorgehoben, die eher „zufällig“ hier bestattet wurden. Zu den anderen 322 im KZ-Ehrenhain genannten Opfern – die meisten von ihnen sind in den KZ-Außenlagern Haunstetten und Pfersee ums Leben gekommen - gibt es aber (noch) keine ergänzenden Informationen, zumal sich die Anlage auch nicht von selbst erklärt. Hier besteht dringender Nachholbedarf. Die Informationen sind weitgehend gesammelt. So rätselhaft, wie im AZ-Artikel von Stefanie Schöne vom 2.11.2021 dargestellt, ist der Ehrenhain also nicht mehr. Es geht also „nur noch“ darum, wie die vorhandenen Informtionen zu den hier bestatten bzw. erinnerten KZ-Opfer vor Ort angemessen präsentiert werden. 

Reinhold  Forster, November.2021

Gedenkort Westfriedhof

Auf dem Westfriedhof befinden sich zahlreiche Gedenkstätten:

Neben dem KZ-Ehrenhain und "Feld 9" sind das die Gedenkstätte an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Augsburger, die Gedenkstätte an die bei den Luftangriffen ums Leben gekommenen AugsburgerInnen und - seit Kurzem - auch das Denkmal für die Toten des Augsburger Artillerieregiments "König", das auch an die Gefallenen des Krieges von 1870/71 erinnert.

KZ-Ehrenhain

Der KZ-Ehrenhain auf dem Augsburger Westfriedhof wurde 1950 zeitgleich mit einem Mahnmal für die ermordeten Augsburger Jüdinnen und Juden auf dem jüdischen Friedhof an der Haunstetter Straße errichtet. Daher finden sich Im KZ-Ehrenhain nur wenige jüdische Opfer: vor allem einige ungarische und polnische Juden aus dem KZ-Außenlager Augsburg-Pfersee sowie Augsburger Juden, die noch vor den Deportationen in die Vernichtungsslager aus verschiedenen Gründen in die Fänge des NS-Verfolgungsapparats geraten sind. Hinzu kommen die fünf jüdischen Frauen, an die heute besonders gedacht wird.

Der KZ-Ehrenhain gliedert sich in 3 Teile: Einmal das Mahnmal mit einem sehr allgemeinen „Sinnspruch“, der im Tod vor allem Erlösung sieht (aber keinen Skandal!). Statt der auf dem Mahnmal angegebenen 235 Opfer werden auf den 31 Gedenksteinen 280 Opfer namentlich genannt, hinzu kommen 42 unbekannte KZ-Häftlinge. Insgesamt dürfte es abe noch weit mehr Opfer gegeben haben. Als Todesdatum wird 1945 angegeben, dabei ist das erste Opfer, nämlich Leonhard Hausmann, bereits im März 1933 erschossen worden. Die Mehrzahl der Opfer kam jedoch in den Jahren 1944/45 ums Leben.

So erinnern im rechten Teil 16 Gedenksteine – nach Nationen geordnet- an 126 Opfer der Luftangriffe auf die Messerschmitt-Werke und das KZ-Außenlager Haunstetten im Frühjahr 1944. Nicht berücksichtigt sind 6 weitere Opfer des KZ-Außenlagers Haunstetten, darunter 2 „auf der Flucht erschossene“ Häftlinge, nicht erwähnt sind aber die russischen KZ-Häftlinge, die ums Leben gekommen sind. Was mit ihnen geschehen ist, ist unklar. Die 4 in kyrillischer Schrift aufgefühten „Russen“ waren Zwangsarbeiter, die im Gögginger Wäldchen erschossen wurden.

Die linke Seite des Ehrenhains ist im Prinzip noch einmal zweigeteilt: Im hinteren Teil wird an 70 namentlich genannte und 42 unbekannte Opfer des KZ-Außenlagers Pfersee gedacht. Der Gedenkstein, auf dem auch die Namen der 5 jüdischen Frauen stehen, ist eine Art „Übergangsgedenkstein“, auf dem zudem auch noch Opfer des KZ-Außenlagers, aber auch Augsburger Opfer aufgeführt sind.

Nach vorne hin folgen 8 Gedenksteine mit Opfern aus Augsburg bzw. mit Augsburg-Bezug, die in anderen Konzentrationslagern oder Tötungsanstalten ums Leben kamen: In Dachau, in Hartheim, in Buchenwald und Mittelbau-Dora, in Bernburg oder auch in Mauthausen. Nach einem Gedenkstein mit jüdischen Augsburgern folgen vor allem sog. AZR- und PSV-Häftlinge, also sog. „Arbeitsscheue“ und „polizeilich Sicherungsverwahrte“, die nach Verbüßung ihrer Freiheitsstrafen vorsorglich in ein KZ überstelllt wurden und als „Berufsverbrecher“ denunziert wurden. Vielfach hatten sie jedoch „nur“ Eigentumsdelikte begangen, waren also keineswegs „Gewaltverbrecher“. Hier gibt es auch nach wie vor die meisten „weißen Flecken“, da die Opfer in keiner der aktuellen Datenbanken zu finden sind.

Nach vorne hin wird dann zunehmend an politisch Verfolgte aus Augsburg gedacht, von Clemens Hoegg über Hans Adlhoch und Bebo Wager bis zu Leonhard Hausmann und Fritz Pröll. Aber auch drei wegen „Volksverhetzung“ und „Wehrkraftzersetzung“ Verurteilte befinden sich darunter.

Insgesamt stellt der KZ-Ehrenhain so ein Spiegelbild der vielfältigen Verfolgung durch das NS-Terrorregime im In -, vor allem aber auch im besetzten Ausland dar.

01.11.2021          Reinhold Forster, geschichtsagentur augsburg

pdf-Broschüre zum KZ-Ehrenhain

Feld 9 - ZwangsarbeiterInnen und Displaced Persons

Feld 9 liegt versteckt rechts neben dem Krematorium und dem Betriebshof. Hier wurden vor allem ZwangsarbeiterInnen und "Displaced Persons" bestattet.

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